A message to Europe / Eine Botschaft an Europa

by Natalija Jerjomenko

A message to Europe

First of all I’d like to say that I am also biased, as we all are, by informational flows, so my point of view is just one of many. I don’t like violence, even as a response to violence, that’s why my view now may be distorted.
Probably the most important thing to say to people in Berlin or in Europe is that as a nation we are all very tired now and as a state we are running out of resources. We continue to live in a situation of stress, which began in November 2013, when first people were beaten on Maidan. And it feels like we had no single minute of rest or peace since then. But it is also important to understand that Maidan didn’t cause the current situation, as some people like to put it, – it just revealed the crisis, that our former president was containing for years so as not to lose his electorate.

I am in Lviv now, and though the war is far less evident here than in the East, we receive more and more disturbing news every day – for example, three days ago Mariupol was attacked and peaceful citizens were murdered. The war is going on, and I’m not sure, if it will stop soon. All in all, this is a story of dreams delayed. After Maidan we had a desire and a strong intention to rebuild the country, and now we have to postpone these plans because the war is eating up all our resources. It is very bitter and disappointing, it is very easy to lose hope and give up. Also our state now isn’t functioning in a proper way, so the civil society has to deal with problems for which it has no instruments – like supplying the army with clothes, medicines, food and so on.

I am sure you heard all of this, more or less. But it is most important for me that at the moment a whole country in Europe is put in a very stressful position and has been living in this position for more than a year, unable to develop and fix its problems, and, basically, on the margin of its existence. And this is not an abstract phrase. I feel it very personally.

Natalija Jerjomenko is a poet and journalist from Chernivtsi, Ukraine. She has an MA from L’viv University. She wrote articles for Platfor.ma, Korydor, UP. Life, Zaxid.net, Big Idea. Essays and poems were published in “Women’s Circle” (2013) and “Annals of eyewitnesses:nine months of Ukrainian revolution”, and “Majdan! Ukraine, Europa” (2014).
In 2012 she won the Young Republic of Poets (MRP) award. Her book of poems “Reverse” were published in 2013.

Natalya Yeryomenko

Eine Botschaft an Europa

Als Erstes möchte ich sagen, dass auch ich, wie wir alle, durch den Fluss der Informationen befangen bin. Insofern ist mein Blickwinkel nur einer von vielen. Ich mag keine Gewalt, selbst als Reaktion auf Gewalt. Deshalb mag mein Standpunkt jetzt etwas verzerrt sein.
Wahrscheinlich lautet die wichtigste Botschaft an Menschen in Berlin oder in Europa, dass wir als Nation heute alle sehr müde sind und dass uns als Staat die Ressourcen ausgehen, die Vorräte aufgebraucht sind.
Wir leben noch immer in einer Stresssituation, die in jenem November 2013 seinen Ursprung hat, als Menschen zuerst auf dem Maidan verprügelt wurden. Es fühlt sich so an, als ob wir seitdem keine einzige Sekunde Ruhe oder Frieden gehabt hätten. Aber es ist wichtig, zu verstehen, dass der Maidan nicht der Grund für die gegenwärtige Situation ist, wie es einige Leute gerne darstellen. Maidan hat bloß die Krise offengelegt, die unser ehemaliger Präsident jahrelang ständig überdeckte, aus Furcht, seine Wählerschaft zu verlieren.

Ich lebe jetzt in Lemberg und obwohl einem der Krieg hier viel weniger ins Auge fällt als im Osten, hören wir jeden Tag schlimmere Nachrichten – vor drei Tagen wurde zum Beispiel Mariupol angegriffen und friedliche Bürger getötet. Der Krieg geht weiter und ich bin nicht sicher, ob er bald aufhören wird. Alles in allem ist dies die Geschichte eines verzögerten Traumes. Nach dem Maidan hatten wir den Wunsch und ein starkes Bedürfnis, das Land wieder aufzubauen. Jetzt müssen wir diese Pläne zurückstellen, denn der Krieg frisst all unsere Ressourcen auf. Das ist sehr bitter und enttäuschend, es ist sehr leicht, die Hoffnung zu verlieren und aufzugeben. Außerdem funktioniert unser Staat jetzt nicht, wie er sollte, so dass die normale Gesellschaft mit Problemen fertig werden muss, für die es keine Mittel hat, wie z.B. ihre Soldaten mit Kleidung, Medizin und Lebensmittel zu versorgen.

Ich bin mir sicher, dass Sie dies alles schon einmal in der ein oder anderen Form gehört haben. Aber mir ist es ganz wichtig, zu betonen, dass zur Zeit ein ganzes Land Europas in eine extrem anstrengende Lage gebracht wurde – und dies schon seit über einem Jahr, in dem es sich nicht weiterentwickeln oder seine Probleme beheben konnte. Im Grunde am Rande der Existenz, an der Grenze seiner Möglichkeiten. Und das ist keine abstrakte Phrase. Ich spüre das auch sehr persönlich.

Natalya Yeryomenko ist Lyrikerin und Journalistin und stammt aus Czernowitz. Sie absolvierte ein Masterstudium in Journalismus in L’viv und schreibt Artikel für versch. Magazine. Ihre Essays und Gedichte wurden u.a. in den Anthologien “Frauenkreise” (Anthologie, 2013), “Kultur 3.0” und in “Berichte von Augenzeugen: neun Monate ukrainische Revolution” veröffentlicht. Im Jahr 2012 gewannt sie den ersten Preis der “Jungen Poetenrepublik”. Ihr Gedichtband “Rückwärts” erschien 2013.

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